Erntedank

Quelle: Daniel Barth, Oberjesingen

 

Das Erntedankfest gehört zu den ältesten religiösen Festen der Menschheit. Menschen aller Kulturen und Religionen feiern dieses Fest und danken dabei ihren Göttern für die Gaben der Natur. Wir Christen tun dies in Kirchen und Festhallen in der Erkenntnis, dass Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde es gut mit uns meint, und dass das, was er auf den Feldern und Weinbergen reifen und in den Ställen wachsen ließ, reicht, um „gut über den Winter zu kommen“.

 

Die lange Trockenheit im Sommer hat manchen tierhaltenden Betrieben Futterprobleme bereitet und uns auch keine Rekordernte beschert, aber insgesamt dürfen wir zufrieden sein, auch mit der Qualität, die zurzeit in den Weinbergen geerntet wird. Dafür können wir Gott loben und allen Bäuerinnen und Bauern, Winzerinnen und Winzern samt ihren Helfern für deren Einsatz danken.

 

So könnte man meinen die Menschen blicken zufrieden und mit Zuversicht in die Zukunft. Doch das Gegenteil ist der Fall. Tagtäglich sehen wir in den Medien, dass Menschen bei uns Schutz suchen, weil sie vor Krieg, Terror und Elend fliehen. Wir alle, der Staat, unsere Gesellschaft und jeder Einzelne ist gefordert. Wie können wir helfen? Und wie viel sind wir bereit zu teilen in einem Land, wo gute und sichere Ernten der Normalfall sind? Erwächst aus dem Verstehen der Not der Menschen aus den Kriegs- Elendsländern auch das Verständnis für die vielen Menschen, die bei uns eine sichere Zuflucht und eine Zukunft in Frieden erhoffen? Ich bin mir sicher, der Zustrom von Flüchtlingen wird uns auf Jahre beschäftigen und unsere Gesellschaft verändern. In der Geschichte hat unser Land mehrfach bewiesen, dass es solche Aufgaben meistern kann, - weil viele Menschen guten Willens dazu beigetragen, diese große Herausforderungen zu bewältigen.

 

Wenig friedfertig und zu oft ohne Verständnis für die Sicht des Anderen, erleben wir auch die Debatte um die Ausrichtung der heimischen Landwirtschaft. Die Landwirtschaft wird sich stärker als bisher dieser Diskussion stellen müssen.

 

Zwei Problemkreise möchte ich kurz benennen:

Kürzlich habe ich am Eingang eines Supermarktes ein Plakat gesehen auf dem des hieß: „Weil Tierwohl Haltungssache ist“. Eine richtige Aussage mit Hintersinn. Wenn sie sich nur an Verbraucher und Erzeuger richten würde, wäre das zu wenig. Ich würde mir wünschen, dass der Discounter bei dieser Werbung, nicht nur das eigene Wohl im Blick hat.

 

Ein anderer Bereich, der sehr stark in der Diskussion ist, bezieht sich auf die Umweltverträglichkeit des landwirtschaftlichen Wirtschaftens. Es steht für mich außer Frage, nicht erst seit diesem Sommer, dass dem Klimaschutz unsere ganze Aufmerksamkeit gewidmet werden muss, weil es hierbei auch um die zukünftige Existenz unserer bäuerlichen Betriebe geht.

 

Meine Wahrnehmung ist, dass sich viele Bauernfamilien dieses Problems bewußt sind, sich aber mehr gesellschaftliche Anerkennung für ihre Arbeit wünschen. Nur wenige spüren den Dank für ihre Arbeit in einer Gesellschaft, in der preiswerte Nahrungsmittel für normal gehalten und die Kritik an „der Landwirtschaft“  Mode geworden ist. Niedrige Erlöse und steigende Kosten dämpfen die Stimmung auf den Höfen. Vor allem aber belastet sie ein gesellschaftliches Klima, das die Landwirtschaft mit Unverständnis und vielfältigen Ansprüchen konfrontiert.

Aus meinen Gesprächen mit Ihnen, verehrte Bäuerinnen und Bauern, weiß ich, dass viele von ihnen sich der Diskussion stellen, um das Wünschenswerte mit dem ökonomisch Machbaren in Übereinklang zu bringen. Die Frage, wie eine moderne, innovative und nachhaltige Landwirtschaft aussehen soll, wird das Ergebnis eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses sein, bei dem sich am Ende auch die Gesellschaft in die Pflicht nehmen lassen muss, damit die Landwirtschaft nicht alle Lasten alleine trägt.

Es wird nicht alles falsch, was vorher richtig war und trotzdem müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Wertvorstellungen in der Gesellschaft, die Lebensstile und die Formen wie Menschen zusammen leben, sich geändert haben. In diesem Zusammenhang wird auch zu berücksichtigen sein, dass immer mehr Menschen den Bezug zur Tierhaltung und zum Pflanzenbau verloren haben. In diesem Dialogprozess kommt der Landwirtschaft eine zentrale Dolmetscherfunktion zu, bei der es wichtig ist, dass die Landwirtschaft mit einer Sprache spricht.

 

Unsere Gesellschaft ändert sich in einem rasanten Tempo. Alle Organisationen – auch die Kirchen - müssen heute stärker als je zuvor um Verständnis und Vertrauen werben, ihr Tun immer wieder neu erklären. Für die Zukunft der Landwirtschaft sind viele verantwortlich. Als Kirche wollen wir uns einbringen in einen breiten gesellschaftlichen Dialog, um zu mehr Verständnis für die Landwirtschaft zu kommen.

 

Ich wünsche mir, dass wir im Vertrauen auf Gottes Hilfe diesen Wandel zuversichtlich angehen und gut gestalten, damit unsere Bauernfamilien mit Mut und Zuversicht in die Zukunft gehen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Erntedankfest und danke Ihnen alle für ihre wichtige Arbeit.

 

Hermann Witter Pfr.

Evangelische Landeskirche in Baden

Kirchlicher Dienst Land

Karlsruhe

 

 

 
Broschüre "ernte Dank heute"