Die Evangelischen Dienste auf dem Lande (EDL) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben unter Mitwirkung von Rolf Brauch, Regionalbeauftragter des Kirchlichen Dienstes Land in Nordbaden, folgenden Text veröffentlicht.

10 Thesen zur Situation in den Ländlichen Räumen aus Sicht des EDL

1. Wir schauen vor Ort genau hin

Es gibt eine Fülle von teils sehr widersprüchlichen und sich immer wieder verändernden Trends und Prognosen zur Entwicklung ländlicher Räume. Da stehen Sterbensprognosen für die Dörfer neben einer Renaissance ländlicher Räume. Es gibt aus der Sicht der Regionalentwicklung eine komplexe Gemengelage. Entscheidend für die Verantwortungsträger vor Ort ist es daher in "ihrem" Dorf genau die Entwicklungen faktenbasiert zu betrachten, ihre Ursachen zu verstehen und dann erst entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Eine konkrete Analyse ist die Voraussetzung für zielführendes Handeln. Nur wer hinschaut, schaut weiter!

2. Wehret den Anfängen

Dabei ist es uns sehr bewusst, dass sich Trends beim Abbau der Infrastruktur im Bereich der Daseinsvorsorge wie Gesundheit, Bildung oder Nahversorgung schnell negativ verstärken und eine Spirale nach unten beginnt. In der Folge gehen auch die Verantwortungsträger, Führungskräfte, Engagierten... Außerdem wird damit soziale Infrastruktur abgebaut wie Treffpunkte oder Kommunikationsräume. Es muss daher heißen: Wehret den Anfängen!

3. Die Kraft gemeinsamer Visionen

Die Kraft zur Gestaltung und zur Veränderung kommt aus der Kraft der Visionen vor Ort. Um möglichst viele frühzeitig einzubinden, sind Dorfwerkstätten o.ä. wichtig. Dabei geht es um ganz konkrete Ziele, die Energie und Kreativität bei den Akteuren freisetzen. Zweck aller Analyse und Zielfestlegung ist das Handeln – nur Handeln schafft belastbares Vertrauen. Gemeinsam sind wir stark, muss das Motto sein. Der Erfolg der Genossenschaftsbewegung spiegelt das eindrücklich wieder.

4. Wir schauen auf unsere Stärken

Wenn wir uns im Dorf immer nur von unseren Problemen, Schwächen und Defiziten erzählen, lähmt uns das, macht uns schwach, unattraktiv und handlungsunfähig. Wir wollen nach der Analyse daher bewusst auf unsere Stärken und Ressourcen schauen, das heißt auch sich unserer Traditionen und Dorfgeschichte(n) zu vergewissern. Wenn wir unsere Stärken nutzen, können wir Positives bewirken. Schon viele haben diese Erfahrung gemacht! Wir wissen auch aus Untersuchungen: Der Erfolg hängt ganz entscheidend vom Engagement der Menschen vor Ort ab.

5. Politik aus einer Hand

Wir brauchen maßgeschneiderte Förder- und Entwicklungsprogramme mit einer deutlich besseren Finanzausstattung. Statt einer sektoralen Politik benötigen wir eine integrierte Fachpolitik für die ländlichen Räume. Es ist unerlässlich, Bürokratie abzubauen, Programme bürgerfreundlicher und einfacher zu gestalten. Regeln, Standards und Vorschriften sollten flexibel, umsetzbar und bezahlbar gemacht werden.

6. Veränderungen sind not-wendig und brauchen Geduld

Es gilt offen zu sein für Veränderungen und diese als neue Chancen zu begreifen. Wir unterstützen Veränderungsprozesse als gemeinsame Lernfelder. Sie sind im regelmäßigen respektvollen und demokratischen Dialog gut zu gestalten und zu verantworten. Das erfordert Offenheit und Geduld aller Beteiligten.


 

7. Kooperation ist die Chance der Kleinen

Eine ganz wichtige Lösungsoption ist die verstärkte Kooperation zwischen den dörflichen Einrichtungen und Akteuren. Kooperation ermöglicht zum Beispiel bedarfsgerechte Anpassung, Kostenentlastung und die Entwicklung neuer Geschäftsfelder. Es geht immer um den gemeinsamen Nutzen, der nicht unbedingt bei allen Partnern gleich groß sein muss. Kooperation ist die frühe freiwillige Chance mit dem Nutzen der Partner vor Ort. So entstehen z.B. Bürgerläden, Gebäudekonzepte von Kirchen und Kommune oder Bürgerenergie-Genossenschaften mit Nahwärmekonzepten.

8. Infrastruktur und Arbeitsplätze als Standortfaktor

Die Wirtschaft spielt für eine positive Dorfentwicklung eine entscheidende Rolle. Daher gilt es die Unternehmer vor Ort aber auch ihre Verbände von Anfang an in Dorfentwicklungsprozesse einzubeziehen. Wichtig sind unter anderem die Verfügbarkeit von Arbeitskräften, Fortbildungsmöglichkeiten, eine gute Internetanbindung und eine aktive Ansiedlungspolitik für Unternehmen. Zusätzlich muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit der entsprechenden sozialen Infrastruktur, z.B. Kita und Schule vor Ort, gewährleistet sein. Wer wirtschaftlich starke ländliche Räume will, muss sich vor allem um attraktive Arbeitsplätze für junge Frauen kümmern.

9. Landwirtschaft ist Lebens-Wirtschaft.

Landwirtschaft bleibt auch in Zukunft in ihrer Multifunktionalität unersetzbar. Sie braucht die Unterstützung durch die Gesellschaft und muss dialogfähiger werden. Wir können wichtige Zukunftsherausforderungen wie Klimawandel, Artensterben oder eine gute Ernährung für alle nur meistern, wenn wir miteinander reden und handeln. Dabei ist es wichtig, die Zielkonflikte zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem auf der Grundlage christlicher Ethik auszubalancieren.

10. Kirchen als Dorfmittelpunkt

Die Kirchen waren und sind in vielen Regionen kulturelles und geistliches Zentrum des Dorfes. Sie verfügen über eine hohe Integrationskraft. Die Kirchengemeinde kann Motor, Moderator und Motivator einer guten Entwicklung sein und ihre Mitglieder und Mitarbeitenden zu Gestaltern eines lebendigen Dorfes machen. Wir brauchen Visionäre, die mit anderen eine gute Zukunft vor Ort wagen. Wir brauchen eine klare Analyse, konkrete Ziele, Vernetzung und Kooperation und eine aktive Beteiligung der Bürger. Dann wird das Dorf zur GmbH: zu einer Gemeinschaft mit berechtigter Hoffnung!

 

Wittenberg, den 1.3.2018