Antisemitismus und evangelische Kirche

 

Im November 2017 hat die EKD zusammen mit den Kirchenbünden eine Broschüre zum Thema Antisemitismus und Kirche herausgebracht.

Im Vorwort heißt es: „Die Erscheinungsformen des Antisemitismus haben sich gewandelt: Klassische Formen der Judenfeindschaft nehmen ab, antisemitische Vorurteile sind jedoch in Gestalt einer die NS-Verbrechen relativierenden Sicht der Geschichte und »antizionistischer« Hetze immer noch stark verbreitet. Jüdinnen und Juden sorgen sich aufgrund alltäglicher Erfahrungen mit antijüdischen Anfeindungen um ihre Sicherheit. Gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen gerichtete Anschläge haben in Frankreich und Dänemark eine Diskussion um »Bleiben oder Gehen« ausgelöst. Die sozialen Medien sind zu Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden. Das macht deutlich, wie unvermindert nötig es ist, Judenfeindschaft und Antisemitismus entgegenzutreten.

Diese Broschüre richtet sich an Gemeinden und interessierte Menschen, die durch die genannten Entwicklungen beunruhigt und verunsichert sind. Sie möchte in einer elementarisierten Form aufklären über Erscheinungsformen, Hintergründe und Ursachen von Antisemitismus.

Sie bezieht ferner Position – aus historischer Verantwortung für jahrhundertelanges kirchliches Versagen, aber auch aus theologischer Überzeugung. Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus.

Schließlich möchte dieses kleine Heft prak­tische Tipps zum Umgang mit Antisemitismus und Judenfeindschaft vermitteln. Der Widerspruch gegen Judenhass ist nicht nur die Sache einiger weniger, sondern eine Verantwortung aller Christen.“

Im Jahr 2011 veröffentlichte der Sozialwissenschaftler Albert Scherr ein Gutachten über antisemitische Vorurteile in der evangelischen Kirche. Dabei werden eine Reihe von demoskopischen Umfragen ausgewertet. Dieses Gutachten steht auf der Seite der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus, auf der eine ganze Reihe weiterer einschlägiger Studien zum Download stehen.

Scherr beschäftigt sich in seinem Gutachten auch mit dem Religionsunterricht.

In der Zusammenfassung heißt es:

„An den schulischen Unterricht werden weitreichende Erwartungen im Hinblick auf Wissensermittlung, politische Urteilsfähigkeit und moralisches Lernen im Zusammenhang mit der Thematisierung auf Nationalsozialismus und Antisemitismus gerichtet. (…) Die schulische Thematisierung von Judentum und Antisemitismus erfolgt nahezu ausschließlich in einer historischen Perspektive mit dem Fokus auf den nationalsozialistischen Antisemitismus und den Holocaust. Dies führt vielfach zwar zur Verstärkung einer moralischen Haltung gegen den nationalsozialistischen Antisemitismus bzw. generell gegen Antisemitismus; zugleich wird aber ein stereotypes Bild nahegelegt, das dazu führt, dass Juden allein als Opfer des NS‐Antisemitismus wahrgenommen werden, und die Frage, warum Juden zum Opfer der Verfolgung wurden, ungeklärt bleibt.“

Ein kurzer Essay des Berliner Bischofs Markus Dröge in der Zeitschrift Christ und Welt vom 29.6.2018 faßt die Haltung der Evangelischen Kirche gut und kurz zusammen.

Zitate:

„‘Antisemitismus ist Gotteslästerung.‘ Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat Ende April sehr deutliche Worte gefunden, um antisemitische Übergriffe zu verurteilen. Und dies war nicht nur dahergesagt. Es ist biblische Theologie. Schon in der Bibel ist zu lesen, dass Israel – hier symbolisch für alle Juden in der Welt gemeint – das geliebte Volk Gottes ist und bleibt. Israel hat den Auftrag, Gottes Wort und Gottes Gerechtigkeit zu den anderen Völkern zu bringen. Aufgabe der Christen ist es, den "Augapfel Gottes" (Sacharja 2,12) zu beschützen und als das ältere Gotteskind zu achten, das seinen eigenen Weg mit Gott geht.“

„Heute kostet eine solidarische Haltung gegenüber Jüdinnen und Juden bei uns nicht mehr die Existenz. Und trotzdem: Das christliche Engagement gegen Judenhass und vor allem gegen Israelfeindlichkeit ist leider immer noch nicht selbstverständlich. Solange bei uns Synagogen und jüdische Einrichtungen polizeilich geschützt werden müssen, solange Gewalttaten gegen Minderheiten zum Alltag der deutschen Gesellschaft gehören, können wir uns in Deutschland nicht als Experten für gelungene Integration und innergesellschaftlichen Frieden darstellen und dürfen uns als Christen nicht beruhigen lassen. So lange gilt das Wort Bonhoeffers: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

„Trotz allem: Uns in der evangelischen Kirche fährt gerade der Schreck in die Glieder. Zum Beispiel, weil wir in Turmstuben Hitler-Glocken entdecken, so in zwei Berliner Gemeinden. Die Funde haben zunächst Entsetzen, aber auch Abwehr und Streit hervorgerufen. Wie soll man mit diesen Glocken umgehen? Hängen lassen oder abhängen? Einschmelzen und entsorgen? Durch neue Glocken ersetzen oder zur Mahnung stehen lassen? Solche Diskussionen innerhalb der Gemeindekirchenräte sind ein schmerzhafter Prozess, der Kraft und Zeit braucht. Wer hat von den Hakenkreuz-Glocken gewusst, und warum wurde all die Jahre geschwiegen? Inzwischen ist daraus eine produktive Auseinandersetzung mit der politischen und theologischen Verortung der Gemeinden in der Nazizeit geworden.“

Eine epd-Dokumentation enthält die Vorträge einer Tagung über das Thema „Antisemitismus als politische Theologie. Typologien und Welterklärungsmuster“ (24.-26.1.2017) Die Vorträge zeichnen sich dadurch aus, daß aktuelle Phänomene aus ihrer historischen Dimension heraus begriffen werden. Einige Beiträge unternehmen den Versuch, Antisemitismus als politische Theologie zu verstehen. Das bedeutet, daß das Tagungsheft eher als Hintergrundinformation interessant ist

Die Broschüre „…ist man vor Antisemitismus nur noch auf dem Mond sicher?“ der Ev. Kirche im Rheinland ist über zehn Jahre alt und dokumentiert sozusagen den Übergang von langen Textreflexionen zum Kampf gegen Antisemitismus zu stärker praxisbezogenen Formen der Auseinandersetzung. Die Kombination von kurzen historischen Hintergrundinformationen und praktischen Hilfen überzeugt.