Wertheim
Die ehemalige Grafschaft Wertheim lag zu Beginn des 16. Jahrhunderts zwischen den zwei mächtigen geistlichen Fürstentümern Mainz und Würzburg. Erstaunlicherweise entwickelte sich gerade dort eine der ältesten evangelischen „Landeskirchen“.
Graf Georg II. hatte sich schon sehr früh mit Luthers Schriften auseinandergesetzt und lernte Luther auf dem Wormser Reichstag auch persönlich kennen. Der Graf war von Luther und seiner Lehre sehr beeindruckt, doch seine Bemühungen um kirchliche Reformen hatten durchaus auch machtpolitische Gründe, denn die Landesherren waren auch für die Leitung in der Kirche zuständig.
Franz Kolb, ab 1523 evangelischer Prediger in Wertheim, kannte Luther persönlich und holte sich von ihm Anweisungen für die Reformation in Wertheim. Er verfasste als erster eine Kirchenordnung für die Stadt. Sie regelte vor allem den Ablauf des Gottesdienstes und des Abendmahls. 1524 schrieb Kolb im Auftrag des Grafen ein Bekenntnis, den „Wertheimer Ratschlag“. Er lehnte die Verehrung von Heiligenfiguren ab. In der Abendmahlslehre folgte er ungeachtet seiner Freundschaft mit Luther dem Reformator Ulrich Zwingli. Dieser lehrte, das Abendmahl sei eine Gedächtnisfeier, während Luthers Sicht war, in Brot und Wein sei Christus selbst gegenwärtig. Wegen dieser Differenzen musste Kolb die Grafschaft schon bald wieder verlassen.
Der eigentliche Reformator Wertheims war ab 1525 der ehemalige Franziskanermönch Johann Eberlin.
Als Graf Georg II. 1530 starb, waren viele kirchliche und soziale Reformen (z.B. die Einrichtung von Schulen) auf friedliche Weise gelungen, was auch auf seine umsichtige Regentschaft zurück zu führen ist. Luther selbst äußerte sich mehrfach mit Hochachtung über Graf Georg II.
Nach dem Ende des 30jährigen Krieges war die Grafschaft noch immer evangelisch, doch inzwischen gab es im Grafenhaus auch eine katholische Linie. Man regierte gemeinsam, beide Konfessionen feierten in der Stiftskirche ihre Gottesdienste. Heute wird im ökumenischen Kirchenzentrum Wartberg in Wertheim wieder in ähnlicher Weise Ökumene gelebt.