Reutlingen
Reutlingen war Freie Reichsstadt, das umliegende Württemberg war damals habsburgisch und darum im alten Glauben stark verwurzelt. Trotzdem schloss Reutlingen sich sehr früh der Reformation an: Der Rat der Stadt rief Matthäus Alber 1521 auf die Predigerstelle an der Marienkirche. Dieser hatte in Tübingen Melanchthon kennen gelernt und Luther Schriften intensiv studiert. Innerhalb kurzer Zeit brachte er die anderen Geistlichen der Stadt hinter sich.
Die württembergische Regierung bedrohte die Stadt Reutlingen mit einem Boykott, weil sie das Wormser Edikt nicht beachtete, das vorsah, dass alle Schriften des geächteten Luther vernichtet werden sollten. Der Habsburger Erzbischof Ferdinand wollte Alber verhören lassen. Doch die Gemeinde protestierte auf damals ungewöhnliche Weise: Nach einem Stadtbrand 1524 blieben die Bürger auf dem Marktplatz und zwangen den Rat zu einem Eid, bei der evangelischen Lehre zu bleiben.
Nachdem ein altgläubiger Pfarrer auf seine Pfarrstelle verzichtet hatte, hielt Alber zum ersten Mal eine deutsche Messe mit dem Abendmahl mit Brot und Wein. Das verursachte unglaubliches Aufsehen. Menschen strömten von weit her dazu, wiederum wurde Alber verhört. Doch das Reichsregiment verzichtete auf ein Urteil, da es noch mehr Unruhe fürchtete.
Die Reformation in Reutlingen nahm weiterhin ihren Lauf. Alber ordnete den Gottesdienst neu. Nun fanden keine Messen mehr statt, sondern nur noch schlichte Predigtgottesdienste. Obwohl die Reutlinger Geistlichen exkommuniziert und Alber 1530 geächtet wurde, blieb Reutlingen lutherisch.
Im Jahr 1531 kam es zu einem Bildersturm, und Reutlingen bekam eine Kirchenleitung, die für damalige Verhältnisse eine starke Beteiligung der Bürger und der Prediger vorsah.
Nachdem der Kaiser 1548 in Deutschland eine vorläufige Rekatholisierung befohlen hatte (das sog. „Interim“), mussten sich dem auch die Reutlinger gegen ihren Willen beugen. 1556 schließlich setzte Württemberg durch, dass in Reutlingen die Württembergische Kirchenordnung gelten sollte.